Auftritt Gosia. Die charmante polnische Tourenleiterin kennt auf der nun folgenden Strecke beinah jeden Stein. In nahezu jedem Ort präsentiert sie etwas »wirklich sehr Interessantes«, wie sie sich gerne ausdrückt. Die Leidenschaft, mit der Gosia von Land und Leuten erzählt, fasziniert mich. Auch wenn es dabei oft um die von mir ungeliebten Kirchen geht – ich genieße es, wie lebendig unsere Begleiterin die Geschichte der Region vermittelt. Immer wieder nimmt sie auch Bezug auf die Gegenwart. Etwa, wenn es um die polnische Mentalität geht oder wir einen kaschubischen Kunstmarkt besuchen.
Der Tourverlauf in Polen verlangt ein gewisses Maß an Disziplin. An den stärker befahrenen Straßen müssen wir den Autos Platz zum Überholen lassen. Gosia teilt uns daher beinhart in Gruppen ein. Dann heißt es: »Erste Gruppe – los!«, »Zweite Gruppe – los!« und so weiter. Dieser neue Fahrstil nervt einige. Konnten sie bisher nach Herzenslust mal hier und mal da plaudern. Doch schnell wird klar, dass die Gruppeneinteilung allen Teilnehmern mehr Sicherheit bietet. Alternativ sind sandige Schlingerstrecken oder ruppige Passagen über Kopfsteinpflaster im Angebot – darauf verzichten wir gerne.
Munter geht es durch die Kaschubische Schweiz und die Kaschubische Seenplatte. Das Auf und Ab der Strecke zieht das Fahrerfeld oft über hunderte Meter auseinander. Während die Ersten bereits auf dem Gipfel ihre erhitzte Stirn kühlen, mühen sich andere noch am Berg ab. Doch die Gruppe wächst zusammen und lässt niemanden hängen. Stets warten wir, bis auch das rote Schlussfähnchen wieder bei uns ist. Reichlich gesäte Erholungspausen geben allen ihre Kraft zurück. Bei einer Altersstruktur von 40 bis über 70 Jahren ist es eine tolle Leistung, dass niemand auf der Strecke bleibt. Im Gegenteil: Nach und nach laufen einige Teilnehmer zu ungeahnter Form auf.
Bernstein und Solidarność
Fast schade, dass wir schon bald vor den Toren Danzigs stehen. Aufgrund der Vorarbeiten zur Fußball-Europameisterschaft 2012 können wir nicht mit dem Rad in die Hafenmetropole einfahren. Stattdessen erleben wir vom Bus aus eine kraterähnliche Baustellenlandschaft. In der Danziger Altstadt erwartet uns der angenehme Komfort einer internationalen Hotelkette. Nach einem stilvollen Essen in einem Restaurant an der Mottlau-Promenade bummeln wir durch die Rechtstadt. Kaum zu glauben, dass die beeindruckenden Häuser des herrschaftlichen Viertels nach dem Zweiten Weltkrieg originalgetreu wieder aufgebaut wurden. Abends findet sich in den historischen Gassen eine bunte Mischung aus Straßenkultur und Restaurants. Am nächsten Tag ist noch Zeit für eine kleine Shopping-Tour in der Frauengasse. Hier gibt es interessanten Bernsteinschmuck.