HH - St. Petersburg

29.07.2011

Der ADFC-Blog

Von: Amrey Depenau, Johanna Drescher

An der Ostsee entlang nach St. Petersburg

Die ADFC-Ehrenamtliche Amrey Depenau ist unterwegs nach St. Petersburg, natürlich mit dem Rad. Für den ADFC Hamburg begleitet sie vom 26. Juli an zwei Wochen lang die Teilnehmer der Radreise Hamburg – St. Petersburg auf ihrer ersten Etappe bis nach Danzig. In Ihrem Blog beschreibt sie abends nach der Tour Wetter, Leute, Land und Laune. Und macht damit sicherlich Lust, die Strecke selbst zu entdecken.


Da ich den letzten Tag in Danzig mal ohne Kamera genießen wollte, ist dies ein Bild unseres Abendspaziergangs am Vortag.

07.+08.08.2011 Do widzenia!

Am Abreisetag in Danzig kommt trotz fehlender Räder keine Langeweile auf: Schon um 9 Uhr erhalten wir eine sehr kompetente Stadtführung, bei der Hinweise auf Langfinger und Nepp beim Geldwechsel ebensowenig fehlen wie ein Exkurs in die Bernsteinkunde. Danach haben wir genau 90 Minuten Zeit, um noch ein wenig zu bummeln. Da wir beim Rundgang die Ohren gespitzt haben, finden wir schnell schöne Mitbringsel aus Bernstein und andere lokale Spezialitäten. Es bleibt sogar noch Zeit für einen Kaffee, bevor es dann zur Solidarnosc-Gedänkstätte geht. Der Rundgang über das Werftgelände ist sehr berührend und wir nehmen die deutliche Bitterkeit wahr, die unsere Führer erkennen lassen: Die damalige Kraft der Bewegung hat aus verschiedenen Gründen nicht gereicht, um die Träume von Gerechtigkeit und echter Demokratie zu realisieren. Vor dem drohenden Regen flüchten wir in unseren Transferbus und erreichen wohlbehalten die Fähre. Am Abend sitzen wir alle zusammen an Deck, genießen den Sonnenuntergang und nehmen das ein oder andere Getränk, bevor es dann zeitig in die Kojen geht. Pünktlich am Morgen erreichen wir Rostock und fahren mit Bahn und Bus nach Hamburg zurück. Nach zwei Wochen fast immer guten Wetters begrüßt uns die Hansestadt mit 15 Grad und Regen. Ein wenig sehnen wir uns jetzt schon ins schöne Polen zurück …


06.08.2011 Ankunft in Gdansk

Der letzte Tag, an dem wir Rad fahren. Irgendwie spüren wir schon den Abschied. Dabei sind die letzten 50 km kein Zuckerschlecken: Beim Verlassen von Bytow setzt sich das Auf und Ab des Vortags nahtlos fort. Steigung und Abfahrt wechseln sich beständig ab. Nur sind wir das jetzt schon gewöhnt – ebenso wie die abenteuerliche Sandstrecke, auf der wir mehr schlingern denn fahren. Belohnt werden wir mit einer lieblichen Landschaft, in der immer wieder Seen aufblitzen. Leider meist nur durch die Kiefernwälder, da auch dieses Gebiet Naturschutzpark ist. Beim Picknick nehmen wir Abschied von der Schlacht am kalten Buffet, die wir zwölf Tage lang vollführten. Danach geht es noch mal ans Eingemachte: Eine Mischung aus Schotter, Sand und Kopfsteinpflaster verlangt uns alles ab, bevor wir dann auf einem Asphaltstück ausrollen. Die Tour ist vollendet, alle sind ins Ziel gekommen – nach rund 660 Kilometern, die der Tacho anzeigt. Nach einem kurzen Transfer noch ein bisschen Danzig-Sightseeing und dann geht es morgen heim!


05.08.2011 Durch die kaschubische Schweiz nach Bëtowò

Heute ist der Tag der langen Steigungen und „Zack“. Zack? – das sagt unsere Tourenleiterin, als sie uns die Route beschreibt: „Da ist Asphalt, da ein bisschen Sand und zack und dann wieder Asphalt.“ Zack hat es in sich und ist eine Kombination aus Sandflächen und übelstem Naturkopfsteinpflaster. Danach sind wir alle erstmal fertig mit der Welt und haben schmerzende Arme. Ansonsten fahren wir zwar überwiegend auf recht guten Straßen, dafür mit einem Auf und Ab, das nicht wenige an ihre Grenzen bringt. Gut, dass das Picknick uns nach knapp zwei Dritteln der Strecke die Kräfte zurückgibt. Im Endspurt geht es dann nach Bytow, das auf Kaschubisch Bëtowò heißt. Wir freuen uns auf das stilvolle Hotel Zamek, das in einer alten Burg angelegt ist. Leider ziehen nur 5 Parteien dieses Los, die anderen, mich eingeschlossen, werden in ein recht schäbiges Hotel am Ortsrand ausquartiert. Es gab da ein Problem …


04.08.2011 Ausflug in den Słowiński-Nationalpark

Heute sind alle ein wenig schwerbeinig nach der gestrigen, recht anspruchsvollen Geländefahrt. Da kommt ein entspannter Ausflug in die Dünen gerade richtig. Wir fahren – leider per Bus – nach Równo und von dort zum Jezioro Gardno, dem Garder See. Nachdem wir den Ausblick genossen haben, radeln wir über baumwurzlige Sandwege und abenteuerliche Plattenwege durch die idyllische Dünenlandschaft, später auch auf einem schönen Stück Asphalt, bis wir nach gut 25 km an den Wanderdünen angekommen sind. Dort erwartet uns ein deftiges Picknick. Während die meisten nun Richtung Dünen verschwinden, nehmen acht lieber den Transporter zurück nach Słupsk, was unseren Fahrer extrem ins schwitzen bringt. Nicht nur, dass einmal mehr die vermaledeiten Räder verladen werden müssen, nein, nun heißt es auch noch die Sitze freiräumen. Um halb vier sind wir wohlbehalten zurück und ich genieße den freien Nachmittag! Wer die Dünen sehen will, guckt hier.

 


03.08.2011 Kołobrzeg – Darłowo - Słupsk

Der Tag beginnt mit einer ziemlich ermüdenden Busfahrt – sind wir ja gar nicht mehr gewöhnt! Sie führte uns nach Rügenwalde, wo es leider keine Teewurst gibt. Polnisch heißt es Darłowo mit dem durchgestrichenen ł, das sich wie das englische w spricht. In einem historischen Museum sehen wir uns in einer Art lebensgroßen Puppenstube an, wie die Fürsten seinerzeit lebten. Einige hundert Meter weiter in der St. Marienkirche sehen wir dann, wie sie zur letzten Ruhe gebettet wurden: Dort stehen drei Sarkophage. Nun radeln wir über Stock und Stein an die Küste, wo wir in einem der unzähligen Badeorte ein Picknick nehmen und den Baggern beim Ausbau der örtlichen Infrastruktur zusehen. Gestärkt machen wir uns an das größere Stück der Tagesstrecke: 40 km Straße werden diszipliniert und den Gefahren durch rasende Wahnsinnige trotzend zügig zurückgelegt. Bei der Ankunft in Słupsk spürt so mancher seine Waden und Oberschenkel vom kräftigen Gegenwind und hügeliger Landschaft.


02.08.2011 Kamień Pom. – Trzęsacz – Niechorze – Kołobrzeg

Heute ist unser erster komplett polnischer Tag: Staubige Straßen, schlammige Waldwege, überall rosa gefärbte Badegäste mit meist rundlichen Bäuchen – das volle Programm. Wir schlagen uns tapfer, bleiben im Wald im Schlamm stecken und fahren todesmutig auf Asphalt, der den Namen nicht wirklich verdient. An jeder Ecke lauert polnische Geschichte, sei es in Gestalt eines Marienaltars, einer unterspülten Kirche, von der nur noch eine Mauer steht, oder eines Leuchtturms, der einst die Küste kontrollierte. Bei strahlendem Sonnenschein nehmen wir ein Bad in der Ostsee zwischen Tausenden Sonnenanbetern und fallen hungrig über das Picknick am Hang her, wo wir uns mit großen Ameisen um die Plätze streiten. Ab Niechorze, wo wir den Leuchtturm besteigen, geht es mit dem Bus über Trzebiatów nach Kołobrzeg, auf einer Straße, die ein blaues Schild ziert: Rad- und Fußgängersymbol rot durchgestrichen!


01.08.2011 Koserow – Ahlbeck – Wollin – Kamien Pomorski

Der letzte Tag in Euroland. Wir decken uns in der Apotheke mit Salben ein, im Fahrradladen mit allem, was am Rad so wackelt. Dann geht es an der Ostsee lang durch die Bäder: Basin – Heringsdorf – Ahlbeck. Auf dem Weg eine gerissene Kette und eine defekte Schaltung. Gosia, unsere polnische Tourleiterin, die uns ab jetzt begleitet, hat gleich alle Hände voll zu tun. Sie legt selbst Hand an und flickt die Kette. Im wunderschönen Ahlbeck pausieren wir bei strahlendem Sonnenschein, kühlen unsere Füße in den Wellen und suchen einmal mehr ein Fahrradgeschäft auf. Mit viel Emotion überqueren wir die Grenze und steigen in den Bus nach Wollin. Nach 20 km Straße und ersten Eindrücken polnischer Autofahrermentalität erreichen wir wohlbehalten Kamien. Im Abendrot genießen wir nach zünftigem Mahl Wodka und Bier auf der hoteleigenen Terasse.


31.07.2011 Barth – Stralsund – Wolgast - Usedom

Der Tag beginnt mit einem Plattfuß. Im Nieselregen wechsle ich mit Unterstützung einiger Radlerkollegen den Schlauch und entferne einen grünen Splitter aus dem Mantel. Wir starten verspätet. Kurz darauf scheitert eine Mitfahrerin beim Spurwechsel und reißt mich mit – sanft lande ich in den Brennnesseln. Der Regen hat unterdessen aufgehört. Bei bedecktem bis freundlichem Himmel radeln wir entlang der Ostseeküste nach Stralsund. Immer wieder blitzen Meer und Dünen auf, aber auch Waldabschnitte sind dabei. In Stralsund angekommen führt uns ein Stadtrundgang die Bedeutung der Hansestadt vor Augen. Trotzdem verlassen wir sie und fahren mit der Bahn nach Wolgast, wo uns ein letztes Mal Fabian mit dem Landpartie-Wagen erwartet. Da er uns verlässt, um eine andere Tour zu übernehmen, kommt es zu herzzerreißenden Abschiedsszenen. Die Tränen trocknen auf den letzten 20 km bis nach Koserow. Beim Abendessen gieße ich meinem Tischnachbarn mein Bier in den Schoß. Es ist nicht mein Tag.


30.07.2011 Rostock – Warnemünde –  Darß – Barth

Der Wetterdienst verspricht für heute wieder Unwetter, tatsächlich fahren wir aber mit sonnig-blauen Löchern am Himmel los. Locker radeln wir nach Warnemünde, setzen auf die andere Uferseite über und genießen ab jetzt eine traumhafte Fahrt durch die Dünen und den Wald. Stop! Ich vergaß das Wasser von unten: Wir haben viel Spaß mit Schlamm und Mini-Seen, die aus dem Radweg einen Hindernis-Parcours machen. Das idyllische Picknick im Hafen von Ahrenshoop entschädigt dann für manchen Schreck. Bis kurz vor Born genießen wir die Küstenlandschaft regenfrei und flüchten uns vor kräftigen Schauern wenig später auf die Fähre, die uns über den Bodden bringt. Beschwingt von geistvollen Getränken auf dem Schiff ist der Rest des Weges zwar nass, aber kurz. Unsere Freude auf das Hotel im Herzen der Stadt wird allerdings etwas getrübt durch eine Silberhochzeit, die im Haus gefeiert wird. Ich schlafe ein mit „Griechischer Wein“.


29.07.2011 Wismar - Kühlungsborn - Heiligendamm - Rostock

Wir sind noch mal davongekommen. Aus Wismar und Rostock werden sintflutartige Regenfälle gemeldet - wir huschen darunter irgendwie hindurch. Aufregung haben wir auch so genug: Bei all den Abzweigungen und den widrigen Bedingungen geht ein Gruppenmitglied verloren. Wohlbehalten wieder aufgetaucht, muss die Dame auch noch einen platten Reifen verkraften. Beim Bummel in Kühlungsborn und später im Grand Hotel Heiligendamm sind diese Schrecken jedoch bald vergessen. Der Ostseeküstenradweg soll uns nach Warnemünde führen, ist aber zu einer Seenlandschaft geworden, so dass wir todesmutig auf die parallele Straße ausweichen, auf der wir dennoch sicher ankommen. Ein Taxitransfer (Skandal!) bringt uns feuchten Fußes zu unserem Hotel in Rostock.


28.07.2011 Schwerin – Wiligrad – Dorf Mecklenburg – Wismar

Nach einer Führung vom obersten Türmchen bis zu den Katakomben des Schweriner Schlosses zeigen uns zwei Kollegen vom ADFC Schwerin die angrenzende Orangerie. Eine Flut von Eindrücken, unter denen historische Überführungssärge und das Konferenzzimmer des Ältestenrats des Schweriner Landtags hervorstechen: Er hat eine Rauschanlage gegen Lauschangriffe! Später verlassen wir Schwerin, nehmen im Skulpturen-Park von Wiligrad ein feudales Mittagsmahl ein und radeln zügig nach Wismar. Kaum angekommen, erwartet uns schon ein Stadtrundgang mit vielen historischen Informationen und zwei ausführlichen Kirchenbegehungen. Geschwächt von so viel Kultur freut sich die Mehrheit der Reisenden über die leckere Fischpfanne zum Abendessen.


27.07.2011 Kehrsen - Zarrrentin – Dümmer See – Schwerin

Mecklenburg Vorpommern begrüßt uns mit Buckelpisten: Viele Orte, durch die wir fahren, präsentieren uns gefühlt 200 Jahre altes Kopfsteinpflaster. Wir drücken uns auf schmalen Sandspuren am Rand vorbei – nur um dann irgendwo stecken zu bleiben. Dazu einige Ausflüge ins Grün, die auch nicht ganz ohne sind. Da freuen wir uns umso mehr über von Linden gesäumte Alleen und nehmen die hügelige Anfahrt auf Schwerin klaglos hin. Bis dahin haben wir aber schon einen sehr persönlichen Einblick in das Leben im damaligen DDR-Grenzgebiet bei Zarrentin bekommen, uns mit Saibling und Maräne am idyllischen Schalsee den Bauch vollgeschlagen und rund siebzig Kilometer radelnd hinter uns gebracht. Den Tag beschließt ein Mahl mit Blick auf den Sonnenuntergang über dem Ziegelsee.


26.07.2011 Bergedorf – Vierlande – Lauenburg – Büchen – Kehrsen

Die Reise beginnt auf dem P+R-Parkplatz am Bergedorfer Bahnhof und damit mit genervten Autofahrern. Etwas verspätet brechen wir auf und bahnen uns den Weg durch Bergedorf in die Vierlande. Dort gleich ein Highlight: Die Kirche St. Johannis in Curslack. Weiter geht es über alte Bahndämme Richtung Lauenburg. Wir sind noch gar nicht richtig warmgefahren, da ist schon Picknickzeit und Fabian serviert Wurst und Käse mit regionalem Bezug. Besonders der Seeluft-getrocknete Schinken ist ratzfatz weg. Wie eigentlich auch alles andere. Wir fahren nach Lauenburg und grooven uns langsam ein. Vom Alltagsrad bis zum Cross-tauglichen Renner ist alles dabei und so zieht sich das Peloton gerne mal auseinander. Am Abend sind alle froh, im Landgasthof Meincke ihr Rad im Partyraum abstellen zu dürfen.


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